Nikolaj Gogol: Petersburger Novellen

Zusammenfassung

Patrick Bucher
17.01.2013

Der Newskijprospekt

Nikolaj Gogols 1835 erschienene Novelle Der Newskijprospekt beginnt mit der Schilderung der gleichnamigen Petersburger Strasse. Auf dem Newskijprospekt erfahre man die zuverlässigsten Neuigkeiten, er sei das Verkehrszentrum der Stadt, und die Leute beträten ihn nicht aus Notwendigkeit, sondern zum Flanieren. Im Laufe des Tages ändere sich sein Erscheinungsbild mehrmals.

Eines Abends spazieren der Leutnant Pirogow und sein Freund, der Künstler Piskarjow, über den Newskijprospekt, wobei ihnen zwei hübsche Damen auffallen: eine blutjunge Brünette und eine etwas ältere Blondine. Pirogow möchte der Blondine nachstellen, Piskarjow geht der Brünetten nach.

Die Brünette lässt Piskarjow folgen und führt ihn zu einer zwielichtigen Wohnung. Im heruntergekommenen Eingangszimmer sind noch weitere Mädchen anwesend, diese nehmen von Piskarjows Anwesenheit kaum Notiz. Im Nebenzimmer ist bei einer Dame gerade ein Offizier zu Gast. Piskarjow ist überwältigt von der Schönheit der Brünetten – und flieht plötzlich aus der Wohnung. Zu Hause zerbricht er sich den Kopf darüber, wie ein so schönes Mädchen nur in derartige Kreise gelangen und dem Laster verfallen könne. Er begibt sich zu Bett, findet aber keine Ruhe.

Als Piskarjow schliesslich doch einschläft, träumt er, wie ein Diener ihn zu einem Ball abholt, wo die Brünette auf ihn wartet. Am Ball wird die Brünette von verschiedenen hochdekorierten Männern umgarnt. Sie interessiert sich abernur für Piskarjow, obschon er sich in der Eile nur äusserst nachlässig hat kleiden können. Die Brünette möchte Piskarjow ein Geheimnis verraten, doch da erwacht dieser plötzlich aus seinem Traum. Piskarjow möchte die Brünette unbedingt noch einmal im Traum sehen, um ihr Geheimnis zu erfahren. Doch er träumt nur Unsinn, kann bald schon gar nicht mehr einschlafen und wird schliesslich von seiner Schlaflosigkeit beinahe aufgezehrt. Erst die Einnahme von Opium bringt Piskarjow den Schlaf zurück – und er träumt auch wieder von der Brünetten. Er beschliesst, sie zu heiraten, wenn sie denn ihr schreckliches Laster ablegen wolle.

Piskarjow spricht erneut bei der Brünetten vor. Sein Vorschlag, dass die beiden heiraten und ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit – Piskarjow mit seiner Malerei, die Brünette mit Handarbeiten – bestreiten sollen, lehnt sie ab. Piskarjow hält dies nicht aus, flieht erneut aus der Wohnung und schliesst sich zu Hause ein. Eine Woche später wird er dort tot aufgefunden; seine Kehle ist durchschnitten. Zu seiner Beerdigung erscheint nicht einmal sein Freund Pirogow.

Leutnant Pirogow folgt der Blondine bis zur Werkstatt deren Ehemanns, des deutschen Schlossermeisters Schiller. Dieser ist betrunken und ereifert sich über die Kosten seines Schnupftabakkonsums, sodass der ebenfalls anwesende und betrunkene Schuster Hoffmann gerade im Begriff ist, Schiller die Nase abzuschneiden. Pirogows Anwesenheit hält die beiden von diesem Eingriff ab. Schiller verjagt den Leutnant aus seiner Werkstatt. Um der Blondine den Hof machen zu können, erscheint Pirogow am darauffolgenden Tag erneut in Schillers Werkstatt, unter dem Vorwand, sich von Schiller neue Sporen anfertigen lassen zu wollen. Um den Leutnant loszuwerden, verlangt Schiller einen Wucherpreis – den Pirogow jedoch gerne zu zahlen bereit ist. Die Blondine gibt Pirogow auf dessen Nachfragen sogar Auskunft darüber, dass sie jeweils sonntags alleine zu Hause sei. Als Pirogow sie dann eines Sonntags in der Werkstatt besucht und mit ihr tanzt, werden die beiden von Schiller und dessen Freunden überrascht. Die betrunkenen Handwerker verprügeln Pirogow, worüber sich dieser zunächst sehr ereifert. Er will sogar den General einschalten, beruhigt sich jedoch gegen Abend wieder und besucht mit anderen Offizieren und Beamten eine Soiree.

Der Erzähler schliesst seine Schilderungen mit der Warnung, dass dem Newskijprospekt nicht zu trauen sei – und den Damen dort am allerwenigsten. Der Newskijprospekt lüge zu jeder Zeit.

Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen

In Gogols 1835 erschienener Novelle Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen wird die Geschichte des Titularrats Axentij Iwanowitsch Popristschin in Form von Tagebuchaufzeichnungen geschildert. Der erste Eintrag datiert auf den 3. Oktober. Weitere Einträge sind mit Daten im November und Dezember, schliesslich aber mit absurden Datumsangaben versehen.

Popristschin findet Gefallen an Sophie, der Tochter seines Vorgesetzten, des Departementsdirektors Swerkow. Vor einem Geschäft beobachtet Popristschin, wie sich Sophies Hündchen Maggy mit dem Hündchen Fidèle, das einem sommersprossigen Mädchen gehört, unterhält. Popristschin, der die Hunde schon lange sprechen zu können im Verdacht hat, sucht das sommersprossige Mädchen auf, da er bei Fidèle Briefe von Maggy vermutet. Tatsächlich findet Popristschin solche Briefe: Maggy berichtet Fidèle darin von seinen kulinarischen Vorlieben, seinem Alltag und – was Popristschin besonders interessiert –, von Sophies Liebesleben. Sie ist in den Kammerjunker Teplow verliebt, dessen Besuch in einem der Briefe geschildert wird. Maggy zeigt sich von diesem Freier nicht sonderlich begeistert, noch weniger hält er jedoch von Popristschin, den er gar als Missgeburt bezeichnet. Popristschin ist ausser sich über das freche Hündchen und schreibt dessen Verachtung seinem niederen Rang zu. Doch dann fasst Popristschin den Verdacht, dass er in Wirklichkeit gar kein einfacher Titularrat, sondern vielleicht eher ein Graf oder ein General sei.

Als Popristschin in der Zeitung von der Absetzung des spanischen Königs und von der damit einhergehenden Ungeklärtheit der Thronfolge erfährt, hält er sich auf einmal für Ferdinand VIII., den legitimen spanischen Thronfolger. Er bleibt seiner Arbeitsstelle fern, schneidert sich ein spanisches Nationalkostüm und wartet auf die Deputation, die ihn nach Spanien bringen soll. Als man ihn abholt und inein Irrenhaus steckt, glaubt Popristschin, nach Spanien gebracht worden zu sein. In seiner Zelle hat er die wildesten Fantasien: Spanien und China seien ein und dasselbe Land; die Erde werde sich auf den Mond setzen, was dringend zu verhindern sei, da sonst unsere auf dem Mond lebende Nasen – die wir ja schliesslich nicht sehen können – sonst zermalmt würden. Als man Popristschin mit kaltem Wasser zu Leibe rückt, glaubt er schliesslich, dem spanischen Grossinquisitor in die Hände gefallen zu sein.

Die Nase

In seiner 1836 erschienenen Novelle Die Nase schildert Gogol wie dem Kollegienassessor Platon Kowalew seine Nase auf unerklärliche Weise abhanden kommt, und diese plötzlich wieder in seinem Gesicht auftaucht. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch findet eines Morgens in einem Brotlaib, den er gerade zu verspeisen im Begriff ist, eine Nase, die er auch sogleich als diejenige seines Kunden Kowalew, den er zweimal wöchentlich rasiert, wiedererkennt. Auf Geheiss seiner Frau bringt Iwan Jakowlewitsch die Nase schnellstmöglich aus dem Haus, indem er sie in ein Tuch eingewickelt in die Newa wirft. Dabei wird er vom Revierinspektor erwischt.

Kowalew bemerkt den Verlust seiner Nase beim Aufstehen und macht sich sogleich auf den Weg, um diesen Vorfall dem Oberpolizeimeister zu melden. Unterwegs beobachtet Kowalew, wie seine Nase in der Uniform eines Staatsrats umhergeht. Als Kowalew den Nasen-Staatsrat darauf anspricht, dass er eigentlich zu ihm gehöre, kann dieser den Zusammenhang zwischen sich und Kowalews Gesicht nicht nachvollziehen und antwortet, dass er sich selbst genug sei. Kowalew verliert den Nasen-Staatsrat aus den Augen und beschliesst erneut, den Vorfall dem Oberpolizeimeister zu melden. Da dieser nicht zu Hause ist, will Kowalew seiner Nase bezüglich eine Anzeige in der Zeitung aufgeben. Bei der Zeitungsexpedition lehnt der für Anzeigen zuständige Beamte Kowalews Auftrag ab, da er die Reputation seiner Zeitung nicht mit einer solchen Geschichte schädigen möchte. Auf dem Polizeirevier wird Kowalew mit seiner Angelegenheit vom Vorsteher abgewiesen, sodass er beleidigt nach Hause zurückkehrt. Dort besucht ihn der Revierinspektor, der zuvor Iwan Jakowlewitsch beim Wegwerfen von Kowalews Nase erwischt hat, um Kowalew das corpus delicti zurückzugeben. Doch die Nase will nicht in Kowalews Gesicht haften bleiben. Selbst Kowalews Arzt hält dieses Unterfangen für unmöglich, er würde Kowalew die Nase aber gerne abkaufen, wovon Kowalew jedoch nichts wissen will. Kowalew beschuldigt nun brieflich Alexandra Grigorjewna, die Frau eines Stabsoffiziers, die ihre Tochter gerne mit Kowalew verheiraten würde, den Vorfall mit seiner Nase durch Hexerei herbeigeführt zu haben. Als diese in ihrem Antwortsschreiben jedoch beteuert, nichts mit dem Vorfall zu tun zu haben, lässt Kowalew seinen Verdacht wieder fallen.

In der Stadt gehen derweil die wildesten Gerüchte um die Nase um: Sie spaziere täglich über den Newskijprospekt, und dieses Schauspiel zieht viele Schaulustige an. Ein Ladenbesitzer versucht sogar mit der vermeintlich bei ihm auftauchenden Nase ein Geschäft zu machen, indem er von den Schaulustigen Eintrittsgeld verlangt.

Doch eines Morgens taucht die Nase plötzlich wieder in Kowalews Gesicht auf. Er lässt sich von Iwan Jakowlewitsch rasieren, wozu dieser Kowalew nicht wie üblich an die Nase greifen darf, damit Kowalew diese nicht erneut abhandenkommt.

Der Mantel

In seiner 1841 erschienenen Novelle Der Mantel schildert Gogol die Geschichte von Akakij Akakjewitsch Baschmatschkin, einem Titularrat in einem Petersburger Departement.

Der etwas runzlige, pockennarbige, glatzköpfige und kurzsichtige Akakij Akakjewitsch stammt aus einfachen Verhältnissen. Als seine Mutter ihn zur Welt brachte, und sich kein passender Name für den Jungen finden liess, benannte sie ihn einfach nach dessen bereits verstorbenem Vater. Akakij Akakjewitsch leistet seinen Dienst mit ausserordentlichem Eifer. Statt abends wie alle anderen Beamten einer Zerstreuung nachzugehen, nimmt er Aktenstücke vom Departement mit sich nach Hause, um Abschriften davon zu erstellen. Das Abschreiben ist die einzige Tätigkeit, zu der Akakij Akakjewitsch zu gebrauchen ist. An anspruchsvolleren Aufgaben ist er gescheitert, sodass er zeitlebens im Rang eines Titularrats verbleibt. Von den anderen Beamten wird er verachtet, und es hat sich im Departement eingebürgert, Akakij Akakjewitsch mit allerlei Streichen übel mitzuspielen, was dieser auch über sich ergehen lässt, solange seine Arbeit dadurch nicht gestört wird.

Akakij Akakjewitschs recht abgetragener Mantel scheint für den kommenden Winter nicht mehr tauglich zu sein. Der Schneider Grigorij Petrowitsch hält es aber für sinnlos, den alten Mantel auszubessern. Stattdessen will er Akakij Akakjewitsch für 150 Rubel einen neuen anfertigen. Doch Akakij Akakjewitsch weiss, dass ihm Petrowitsch den Mantel auch für 80 Rubel schneidern würde. Bei einem Jahresgehalt von 400 Rubel erscheint dies Akakij Akakjewitsch dennoch unerschwinglich, zumal er die erwartete Gratifikation von 40 Rubel bereits für andere Zwecke zurückstellen muss. Mit 40 bereits gesparten Rubel, einem äusserst sparsamen Lebenswandel und einer mit 60 Rubel überraschend hoch ausfallenden Gratifikation kann sich Akakij Akakjewitsch den Mantel dann doch noch leisten, und pünktlich zum eintretenden Frost übergibt Petrowitsch Akakij Akakjewitsch seinen neuen Mantel.

Im Departement spricht sich die Nachricht von Akakij Akakjewitschs neuem Mantel schnell herum. Von den anderen Beamten wird Akakij Akakjewitsch nun freundlich gegrüsst und man lädt ihn sogar auf eine Soiree ein. Dort wird er zum Champagnertrinken angehalten, sodass er sich erst um Mitternacht auf den Heimweg macht, was für ihn ungewöhnlich spät ist. Unterwegs wird Akakij Akakjewitsch von zwei Gestalten bedrängt, die ihm den Mantel rauben und ihm einen so starken Tritt versetzen, dass er das Bewusstsein verliert, in den Schnee fällt und erst nach einiger Zeit wieder zu sich kommt. Ein Wachposten hat zwar einen Vorfall mitbekommen, will jedoch den Raub des Mantels nicht bemerkt haben. Als Akakij Akakjewitsch den Raub tags darauf beim Revierinspektor meldet, nimmt sich dieser der Sache nicht ernsthaft an. Auf dem Departement, wo Akakij Akakjewitsch nun wieder in seinem alten Mantel erscheint, veranstalten die Kollegen eine Sammlung für ihn. Dabei springt aber nur äusserst wenig heraus. Zudem erhält Akakij Akakjewitsch jedoch den Rat, den Vorfall einer bedeutenden Persönlichkeit zu melden. Als Akakij Akakjewitsch bei einer solchen vorspricht, nämlich bei einem frisch beförderten General, wird er mit der Begründung, er habe den Dienstweg nicht eingehalten, schroff abgewiesen und streng gerüffelt. Auf dem Rückweg liest sich Akakij Akakjewitsch im kalten Wind eine schwere Halsentzündung auf, und schon bald wird er von einem starken Fieber geplagt. Der Arzt behandelt ihn nur noch der Form halber; Akakij Akakjewitsch erliegt nach wenigen Tagen seiner Krankheit. Im Departement, wo man seine Abweseneit erst nach einigen Tagen bemerkt, ersetzt man ihn durch einen neuen Beamten.

Schon bald gehen in Petersburg Gerüchte um, dass nachts ein Geist herumschleiche, der Passanten – ungeachtet ihres Ranges – den Mantel raube. Ein Beamter, dem der Mantel ebenfalls von einem Geist geraubt wird, erkennt diesen als Akakij Akakjewitsch, mit dem zusammen er früher im gleichen Departement gedient hat. Auch dem General, der Akakij Akakjewitsch zuvor so schroff abgewiesen und sich bei der Nachricht über dessen Tod deswegen Schuldgefühle gemacht hat, wird der Mantel eines Nachts – auf dem Rückweg von einer Soiree – geraubt. Der Geist von Akakij Akakjewitsch, der nun einen Generalsmantel besitzt, soll von da an nie mehr in der Stadt aufgetaucht sein, geschweige denn jemandem seinen Mantel geraubt haben.

Quelle

München: Deutscher Taschenbuch Verlag (2009). 6. Auflage. Aus dem Russischen von Josef Hahn. ISBN-13: 978-3-423-12948-0